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Pegasus 3/ 2002, 1

Prof. Dr. Prof. h. c. Dr. h. c. mult. Fritz Wagner

"Veni redemptor gentium"

Ein Weihnachtshymnus des Ambrosius von Mailand

 

Christliche Hymnen sind die ältesten Zeugnisse einer genuin christlichen lateinischen Dichtung, als deren eigentlicher Begründer der Mailänder Bischof und Kirchenvater Ambrosius von Mailand (ca. 339-397 n. Chr.) gilt. Prof. Dr. Fritz Wagner, Ordinarius für Mittellateinische Philologie an der Freien Universität Berlin und international renommierter Hymnenspezialist, stellt in seinem Beitrag "Veni redemptor gentium" den von Ambrosius verfassten, wohl ältesten Weihnachtshymnus der christlich-lateinischen Literatur vor. Die kenntnisreiche, in exemplarischer Weise die sprachliche, stilistische, motivische und inhaltliche Vielfalt dieses Textes herausarbeitende Interpretation macht deutlich, dass die reiche literarische Gattung "Hymnus" im Lateinunterricht des Gymnasiums ihren festen Platz haben sollte.

 

Altchristliche Hymnen sind die ältesten überlieferten Zeugnisse genuin christlicher Dichtung, die sich durch einen der antiken "paganen" Dichtung keineswegs nachstehenden sprachlichen, stilistischen, motivischen und inhaltlichen (theologia in nuce) Reichtum auszeichnen.

Ihre Lektüre und Interpretation sollte im Lateinunterricht der gymnasialen Oberstufe ihren festen Platz haben, wobei es sich förmlich anbietet, als zeitlichen Bezugspunkt für die Realisierung einer solchen Lektüre den Verlauf des Kirchenjahres zu berücksichtigen.

Die im folgenden vorgestellte Analyse des ambrosianischen Weihnachtshymnus "Veni redemptor gentium" zeigt anhand dieses exemplarischen Textes detailliert die vielfältigen Möglichkeiten in Hinsicht auf Sprache, Stile, Colores rhetorici und Inhalt, die eine gründliche Interpretation dieser Textgattung bietet.

1 Intende, qui regis Israel,

super Cherubim qui sedes, 

appare Ephraem coram, excita 

potentiam tuam et veni! 

Höre, der du herrschest über Israel,

der du über den Cherubim thronest,

erscheine vor Ephraim, richte auf

deine Macht und komm!

2 Veni, redemptor gentium,

ostende partum virginis,

miretur omne saeculum,

talis decet partus deo.

Komm, Erlöser der Heiden,

mache kund die Geburt aus der Jungfrau;

staunen soll alle Welt:

Solche Geburt ist würdig Gottes.

3 Non ex virili semine, 

sed mystico spiramine

verbum dei factum est caro 

fructusque ventris floruit.

Nicht aus des Mannes Samen,

 sondern aus geheimnisvollem Anhauch

ist das Wort Gottes Fleisch geworden

und die Frucht des Leibes erblüht.

 4 Alvus tumescit virginis,

claustrum pudoris permanet, 

vexilla virtutum micant,

versatur in templo deus. 

Es wölbt sich der Leib der Jungfrau,

das Tor der Scham bleibt geschlossen,

die Fahnen der Tugend erstrahlen,

es weilt Gott in seinem Tempel.

5 Procedat e thalamo suo,

pudoris aula regia,

geminae gigas substantiae, 

alacris occurat viam.

Es trete hervor aus seinem Brautgemach,

aus der Königshalle der Scham,

der Held von zweifachem Wesen,

eifrig, seine Bahn zu eilen.

6 Egressus eius a patre, 

regressus eius ad patrem, 

excursus usque ad inferos,

recursus ad sedem dei.

Sein Ausgang führt vom Vater,

sein Heimgang führt zum Vater,

sein Hinweg bis zur Hölle,

sein Rückweg zum Throne Gottes.

7 Aequalis aeterno patri,

carnis tropaeo accingere,

infirma nostri corporis 

virtute firmans perpeti. 

 

Wesensgleich dem ewigen Vater,

rüste dich mit dem Siegerkreuz über das Fleisch,

die Schwachheit unseres Leibes

stärkend mit immerwährender Kraft.

8 Praesepe iam fulget tuum

lumenque nox spirat novum, 

quod nulla nox interpolet

fideque iugi luceat.

 

Schon erglänzt deine Krippe,

ein nie dagewesenes Licht haucht die Nacht aus,

das keine Nacht auslöschen soll

und das in beständigem Glauben leuchte.1

 


Pegasus 3/2002, 2

Ambrosius von Mailand (ca. 339–397), einer der bedeutendsten Kirchenlehrer, Kirchenpolitiker und Bischof, ist der Vater des lateinischen und mittelbar auch des deutschen Kirchengesangs. Er verfasste 14 Hymnen, 4 Tagzeiten-, 3 Fest- und 7 Heiligenhymnen.2 Sie bestehen alle aus jeweils 8 Strophen zu je 4 Versen im Metrum des akatalektischen iambischen Dimeter. Diese vierzeilige Strophe wurde unter dem Namen "ambrosianische Strophe" im Mittelalter zur beherrschenden Form in der Hymnenpoesie.3

Die Hymnen des Ambrosius sind aus der Spiritualität des Stundengebets entstandene und für die Liturgie bestimmte Gemeindegesänge, nachbiblische Psalme und somit Christuslieder.4 Die außerordentliche Wirkung der ambrosianischen Hymnen würdigte schon Augustinus (354–430) in seinen "Confessiones": "Wieviel habe ich geweint in Deinen Hymnen und Liedern, heftig bewegt von den Stimmen Deiner Kirche in ihrem süßen Laut. Diese Stimmen drangen in mein Ohr und die Wahrheit flößte sich mir in das Herz, und mein Gemüt wallte auf zur Gottergebenheit und die Tränen rannen und mir war wohl mit ihnen."5

Der hier vorgestellte vermutlich älteste Weihnachtshymnus der lateinischen Christenheit, dessen Hauptgegenstand die Menschwerdung Christi ist, zeigt die typischen Eigenschaften der ambrosianischen Hymnen: vielfältige Bezugnahme auf die Heilige Schrift, Verarbeitung paganer Autorenzitate in christlicher Deutung, Verwurzelung in der Praxis des Stundengebetes und dessen Theologie, Christologisierung des Psalters, Aktualisierung der Texte. Der Weihnachtshymnus diente dem seelsorgerischen Anliegen des Mailänder Bischofs, der Hinführung zum Glauben, die in allen seinen Predigten und Hymnen im Mittelpunkt steht. Die Gegenwart Gottes in der Verkündigung und im Sakrament ist sein zentraler Gedanke und die Quelle seiner Spiritualität. Um diesem Anliegen besonderen Nachdruck zu verleihen, bediente sich Ambrosius einer sehr dichten, von Wort-, Sinn- und Klangfiguren geprägten poetischen Sprache und einer ausgefeilten Allegorie.

Das Verfahren, durch Schriftzitate beim Hörer oder Leser der Hymnen bestimmte biblische Texte und ihre Exegese aus der Erinnerung abzurufen, praktiziert Ambrosius schon im Auftakt des Weihnachtshymnus:

1. Intende, qui regis Israel, Höre, der du herrschest über Israel,

super Cherubim qui sedes, der du über den Cherubim thronest,

appare Ephraem coram, excita erscheine vor Ephraim, richte auf

potentiam tuam et veni! deine Macht und komm!

 


Pegasus 3/2002, 3

Unter fast wörtlicher Übernahme der Gebetssituation von Ps 79,2–3 (Intende / appare / excita / veni)6 hebt der Hymnus an mit einer sich über die beiden ersten Strophen erstreckenden Anrufung des allmächtigen Christus. Der kunstvolle Umgang des Ambrosius mit Colores rhetorici 7wird schon hier deutlich, wenn in crescendohafter Steigerung Christus vierfach angerufen wird (1,1—4): Intende / appare / excita / veni. Diese Deprekativa finden sich nicht umsonst an den Hochtonstellen der Verse, ja in 1,3 rahmen sie sogar den Vers. Ihre inhaltliche Steigerung gibt der Strophe zudem eine reihende Disposition. Als preziöse Form kommt in 1,3/4 die verschlungene chiastische Anordnung der Satzglieder hinzu, die der an Christus gerichteten Bitte um Epiphanie eine nicht zu übersehende Dramatik verleiht.

Durch seine Regentschaft über Israel (1,1) wird Christus als Herrscher apostrophiert (qui regis Israel) entsprechend dem biblischen rex Iudaeorum (Joh 18,39) und rex regum (Offb 17,14). Die "maiestas Christi" erhält besondere Eindringlichkeit durch die alttestamentlicher Überlieferung entnommene, nunmehr auf Christus übertragene Macht über die Cherubim, die beschworene Epiphanie vor Efraim, den Ruf nach der Macht Christi und die Bitte um sein Kommen. Die Anfangsstellung des Deprekativs Intende verstärkt zusammen mit den Deprekativa appare / excita und veni den drängenden Charakter des Bittgebets. Die eigentlich antithetischen Christustitel rex Israel (1,1) und redemptor gentium (2,1) sind hier bewusst parallelisierend gegenübergestellt und bilden eine deutliche Anknüpfung an die Pauluspredigt in Apg 13,46.8

2 Veni, redemptor gentium, Komm, Erlöser der Heiden,

ostende partum virginis, mache kund die Geburt aus der Jungfrau;

miretur omne saeculum, staunen soll alle Welt:

talis decet partus deo. Solche Geburt ist würdig Gottes.

Durch die Wiederaufnahme des Schlusswortes veni der ersten Strophe zu Beginn der zweiten Strophe wird die Bitte um Epiphanie fortgesetzt. Durch diese Geminatio bzw. Fortführung bewirkt Ambrosius beim Hörer des Hymnus den Eindruck, dass die Epiphanie Christi gleichsam "herbeibeschworen" werden soll. Auch in dieser Strophe beherrschen die Imperative veni / ostende die Hochtonstellen der Verse.

Ansprechpartner des Betenden oder Bittenden ist jetzt nicht mehr wie in Strophe 1 der allmächtige Herrscher (rex), sondern der Erlöser der Heiden, ja der gesamten Menschheit. Mit der Bezeichnung redemptor für Christus artikuliert Ambrosius die messianische Sendung Christi, den er um die Offenbarung des Geheimnisses seiner Geburt bittet (2,6: ostende partum virginis). Damit ist das zentrale Thema des Hymnus, die Geburt Christi aus der Jungfrau Maria, angesprochen und in die Glaubensinhalte integriert, die stilistisch und sprachlich ebenso wirkungsvoll wie die Bitte um Epiphanie thematisiert wird durch die Parallelstellung von partum virginis / partus deo.

 


Pegasus 3/2002, 4

Der partus virginis meint hier ausdrücklich die Inkarnation des Logos, den Sinngehalt der Jungfrauengeburt im Erweis des Mysteriums der Menschwerdung Gottes. Die nur scheinbar widersprüchliche Aussage des partus virginis rechtfertigt Ambrosius mit Hinweis auf das Wunderbare des Ereignisses (2,3) (vgl. Markusevangelium 2,18: et omnes qui audierunt mirati sunt). Durch die Wiederaufnahme des partus am Schluss der zweiten Strophe aktualisiert Ambrosius das Geheimnis der Jungfrauengeburt noch stärker, die letztlich zu sehen ist als Verweis auf das Geheimnis der zwei Naturen des Gott-Menschen Jesus Christus. Die Geburt aus der Jungfrau ist das den Menschen gegebene Zeichen der Abstammung Christi von Gott. Hier meint der partus virginis, der syntaktisch in eine enge Parallele gesetzt ist zu der Fügung partus deo, ausdrücklich die Inkarnation des Logos. Im Zentrum dieser Strophe steht das Christusmysterium und mittelbar die Erlösung und die Verherrlichung als abhängige Explikation dieses einen großen Mysteriums.

3 Non ex virili semine, Nicht aus des Mannes Samen,

sed mystico spiramine sondern aus geheimnisvollem Anhauch

verbum dei factum est caro ist das Wort Gottes Fleisch geworden

fructusque ventris floruit. und die Frucht des Leibes erblüht.

 

4 Alvus tumescit virginis, Es wölbt sich der Leib der Jungfrau,

claustrum pudoris permanet, das Tor der Scham bleibt geschlossen,

vexilla virtutum micant, die Fahnen der Tugend erstrahlen,

versatur in templo deus. es weilt Gott in seinem Tempel.

 

Mit der dritten Strophe beginnt die Schilderung der Geburt Christi in Anlehnung an die biblischen Berichte bei Lukas und Johannes9. Es gelingt Ambrosius hier und in den folgenden Strophen, durch die kunstvolle Verknüpfung von poetischen und dogmatischen Begriffen ein dichtes und dichterisches Bild zu komponieren. Die dogmatische Bedeutung dieser Thematik wird in der 3. Strophe wiederum stilistisch akzentuiert durch den formalen Parallelismus des inhaltlichen Gegensatzes virili semine / mystico spiramine, durch die exponierte Stellung der theologisch besonders aussagestarken Termini verbum und caro am Anfang und Ende des Verses 3,3 und durch die alliterierenden Lexeme fructusque ventris floruit.

 

Vers 3,1 (Non ex virili semine) basiert auf Joh 1,13. Mit spiramen in Vers 3,2 deutet Ambrosius das Wirken des Heiligen Geistes, mit mysticus das Geheimnis der Menschwerdung Christi. Mit Vers 3,3 (verbum dei factum est caro) greift Ambrosius Joh 1,14 auf und gestaltet mit der biblischen Wendung fructusque ventris floruit (3,4) das Geschehen der Menschwerdung poetisch aus.

 


Pegasus 3/2002, 5

In der 4. Strophe weiterhin steht die mariologische Thematik im Mittelpunkt, auch hier wieder durch den effektvollen Einsatz von Colores rhetorici (Chiasmus: tumescit virginis / pudoris permanet; Alliteration: pudoris permanet / vexilla virtutum; Hyperbaton: versatur / deus) zum Ausdruck gebracht.

Dass Ambrosius Vers 4,2 typologisch auf Marias Jungfräulichkeit bezieht, beweist Vers 4,2 (claustrum pudoris permanet), der konkret den Blick auf das claustrum-Thema lenkt.10 Hier wird der tiefere Sinn des Beharrens auf der Jungfräulichkeit deutlich: Die Leibesfrucht der heiligen Jungfrau (partus virginis) ist der "aus Gott geborene Gott", der "eingeborene Sohn des Vaters". Beide Naturen sind in Jesus Christus untrennbar miteinander verbunden. Wer das eine nicht glaubt, glaubt auch das andere nicht. Mit der Passage vexilla virtutum micant setzt Ambrosius die mariologische Motivik verstärkt fort und zeigt in Vers 4,4, dass der Tempel, in dem Gott wohnt, Maria ist (Maria erat templum dei).11 Dieser Vers zielt auf den Höhepunkt des Geschehens, auf die in der 5. Strophe geschilderte Geburt Christi:

5 Procedat e thalamo suo, Es trete hervor aus seinem Brautgemach,

pudoris aula regia, aus der Königshalle der Scham,

geminae gigas substantiae, der Held von zweifachem Wesen,

alacris occurat viam. eifrig, seine Bahn zu eilen.

Deutlich ist hier die christologische Deutung von Psalm 18,6: in sole posuit tabernaculum suum et ipse tamquam sponsus procedens de thalamo suo exsultavit ut gigans ad currendam viam suam. Christus wird nach Psalm 18,6 in Vers 5,3 in effektvoller Alliteration als geminae gigas substantiae apostrophiert, in Anspielung auf die dogmatische Lehre von den Zwei Naturen Christi. Thalamus und aula regia figurieren wiederum als Metaphern für den jungfräulichen Schoß Marias (vgl. Vers 4,2). Sinnfällig ist die exponiert-rhetorische Stellung von thalamo suo und aula regia in der jeweils 2. Vershälfte.

6 Egressus eius a patre, Sein Ausgang führt vom Vater,

regressus eius ad patrem, sein Heimgang führt zum Vater,

excursus usque ad inferos, sein Hinweg bis zur Hölle,

recursus ad sedem dei. sein Rückweg zum Throne Gottes.

Die 6. Strophe stellt — in unübersehbarer Anspielung an die christologischen Aussagen im apostolischen Glaubensbekenntnis — die Menschwerdung Christi und sein irdisches Leben im Bild eines Kreislaufs nach Psalm 18,7 und Joh 16,28 dar. Dieses Bild evoziert den Vergleich Christi mit der Sonne in ihrem Lauf: Durch seinen Ausgang vom Vater ins Fleisch (egressus) und seine Rückkehr zu ihm (regressus), seinen Abstieg (excursus) zur Hölle und seine Rückkehr (recursus) zu Gott (ad sedem dei) hat er die Menschen von der Sünde Adams befreit.12 Die herausragende Bedeutung dieser theologischen Aussagen unterstreicht Ambrosius auch diesmal wieder durch den Einsatz rhetorischer Figuren: antithetische Wortspiele egressus / regressus / excursus / recursus am Anfang der Verse 6,1 — 6,4; Parallelismus von eius im Zentrum der Verse 6,1 und 6,2; parallele Stellung, Anapher und Wortspiel: a Patre / ad Patrem / ad inferos / ad sedem dei. Gerade diese Wortspiele verleihen dieser Strophe ein bemerkenswertes, fast stakkatohaft wirkendes Tempo, eine andachtsartige Verdichtung und ein gesteigertes religiöses Gefühl, das auf die 7. Strophe vorausweist.


Pegasus 3/2002, 6

7 Aequalis aeterno patri, Wesensgleich dem ewigen Vater,

carnis tropaeo accingere, rüste dich mit dem Siegerkreuz über das Fleisch,

infirma nostri corporis die Schwachheit unseres Leibes

virtute firmans perpeti. stärkend mit immerwährender Kraft.

Das hier bewußt gegen den von Ambrosius intensiv bekämpften Arianismus formulierte Dogma von der Wesensgleichheit Christi mit dem Vater — man beachte die Alliteration aequalis / aeterno, die das Dogma noch lautmalerisch unterstreicht — findet unmittelbar zu Beginn der siebten Strophe Ausdruck in Anlehnung an die Schriftstellen Joh 5,18 und Phil 2,6. Christus erscheint als Sieger über den Tod. Der Begriff tropaeum (7,2) weist auf das Kreuz Christi und seinen Märtyrertod hin. Die im Wortspiel pointierte Gegenüberstellung von infirma (7,3) und firmans (7,4), die auf 1 Kor 1,27 basiert, soll die Menschen in dem Glauben bestärken, dass die Erlösung von irdischen Leiden und Tod das heilbringende Werk Christi ist.

8 Praesepe iam fulget tuum Schon erglänzt deine Krippe,

lumenque nox spirat novum, ein nie dagewesenes Licht haucht die Nacht aus,

quod nulla nox interpolet das keine Nacht auslöschen soll

fideque iugi luceat und das in beständigem Glauben leuchte.13

Der Vergleich Christi mit dem allmächtigen Herrscher, der im Hymnus immer wieder anklingt, wird in der achten und letzten Strophe durch Licht- und Glanz-Metaphorik noch einmal hervorgehoben, auch hier wiederum durch rhetorische Kunstfertigkeit unterstrichen (Antithese lumen / nox; Anapher von nox; Wortspiel: lumen / luceat). Das Epiphaniemotiv bestimmt schon Vers 8,1. Mit lumen und spirat sind zwei sinnliche Elemente der Epiphanie angesprochen. Spirat ist zweifellos als Rückgriff auf mystico spiramine (3,2) zu verstehen und zugleich als eine Anspielung auf die dritte göttliche Person, den Heiligen Geist. Damit wird die Epiphanie zu einer Trinitätsepiphanie. Die achte Strophe des Hymnus bildet mit der Symbolik der johanneischen Antithese von Licht und Finsternis, von lumen (lux) und nox, den Höhepunkt des Hymnus, der im Ambrosius-Hymnus Aeterne rerum conditor das beherrschende Thema ist. Die Nacht symbolisiert den Machtbereich der Sünde, die schuldhafte Verstrickung der Menschen in der Sünde, sie birgt vielerlei Gefahren. Das Licht ist in der neutestamentlichen Verkündigung für die Menschen als Lichtsein Jesu der Aufruf zur Glaubensentscheidung, um in seiner Nachfolge "Söhne des Lichts" (Joh 12,46) zu werden. Ego sum lux mundi (Joh 8,12) sagt Jesus von sich. Ambrosius macht deutlich, dass Christus die Quelle des Lichts ist, die Sonne der Gerechtigkeit, die Sonne der Welt und schließlich der Erlösung, der der Menschheit die Gnade der fides (des Glaubens) zuteil werden lässt. So ist der Schlusstenor des Hymnus, mit dem der Mailänder Bischof auch in Bezug auf Sprache und Stil ein außerordentlich eindrucksvolles Zeugnis lateinischer Hymnendichtung gegeben hat, die inständige Bitte um den beständigen Glauben.


Pegasus 3/2002, 7

Anmerkungen

1Text und Übersetzung aus P. Klopsch, Lateinische Lyrik des Mittelalters, lat.-dt., Stuttgart 1985, S. 20–23; die Übersetzung wurde an einigen Stellen geändert.

2 A. Franz, Tageslauf und Heilsgeschichte. Untersuchungen zum literarischen Text und liturgischen Kontext der Tagzeitenhymnen des Ambrosius von Mailand (Pietas Liturgica Studia 9), St. Ottilien 1994, S. 17–29.

3 P. Klopsch, Einführung in die mittellateinische Verslehre, Darmstadt 1972, S. 8–16.

4 A. Franz, "Ambrosius als Hymnendichter", in: Lexikon für Theologie und Kirche, 3. Aufl., 1 (1993) 497.

5 Zitiert nach W. Bulst, Hymni Latini Antiquissimi LXXV. Psalmi III, Heidelberg 1956, S. 9–10, 161.

6 Psalm 79,2–3: Qui regis Israel, intende; / Qui deducis velut ovem Joseph. / Qui sedes super cherubim, manifestare / Coram Ephraim, Beniamin, et Manasse. / Excita potentiam tuam, et veni. – Vgl. D. Luigi, "Intende Qui Regis Israel", in: Ambrosius 16 (1940) 177–178; J. Fontaine, Ambroise de Milan. Hymnes, Paris 1992, S. 276–279.

7 L. Arbusow, Colores Rhetorici, Göttingen 21963; H. Lausberg, Handbuch der literarischen Rhetorik. Eine Grundlegung der Literaturwissenschaft, München 21960.

8 Ebd., S. 24, Anm. 100.

9 Ebd., S. 50.

10 Vgl. dazu B. Fromme, in: Unsere Liebe Frau von Himmerod, 72. Jg., 2./3. Ausgabe August 2002, S. 43–47; J. Huhn, "Ambrosius von Mailand", in: Marienlexikon, Bd. 1, St. Ottilien 1988, S. 127–128.

11 Glitzner (wie Anm. 9), S. 55.

12 Franz (wie Anm. 2), S. 305.

13 Text und Übersetzung aus P. Klopsch, Lateinische Lyrik des Mittelalters, lat.-dt., Stuttgart 1985, S. 20–23; die Übersetzung wurde an einigen Stellen geändert.

Fritz Wagner,

Seminar für Mittellateinische Philologie der Freien Universität Berlin, Schwendener Str. 1, 14195 Berlin